Briefe an einen erwachsenen Amerikaner

Durs Grünbein reads Bertolt Brecht

Bertolt Brecht's 100th Birthday Anniversary Exhibit

Feuchtwanger Memorial Library

University of Southern California



Briefe an einen erwachsenen Amerikaner

3 (Zwei Wissenschaften)

Das nationale Ideal, die große Planlosigkeit, welche erzeugt wird durch die mannigfachen und heftigen Pläne vieler einzelner, die einander im dunkeln lassen, wirft die Bevökerung in eine beispiellose Unsicherheit. Zwei Fakultäten, die Astrologie und die Psychoanalyse, nehmen sich der Nation da an. Beide operieren, da es hier verlangt wird, auf wissenschaftlicher Grundlage, die erstere übrigens mehr, die letztere weniger. Die Preise in der Astrologie sind abgestuft, es gibt teuere und billige Ratschläge, die ersteren von den Wohlhabenden, die letzteren von den Ärmlichen gesucht. Kleinere Millionäre, heißt es, tun keinen Schritt ohne astrologische Belehrung, größere bewegen nicht einmal einen Finger oder runzeln ohne Zurat die Stirn. Ich höre aus guter Quelle, daß die Gestirne für ärmere Leute ungünstiger stehen; jedoch erfahren sie es nicht immer, da die Armenastrologen schlechter sind. Die Astrologie ist die einzige Wissenschaft, die auch auf dem Gebiet der Politik Voraussagen macht. Josef Stalin hat, wenn er nur auf seine Nieren aufpaßt, ein vorteilhaftes Jahr vor sich, auch Roosevelt hätte ein solches vorteilhaftes Jahr vor sich, wenn er nicht gestorben wäre. Mitunter tauschen Leute die Führung durch den Astrologen mit der Führung des Psychoanalytikers, oder umgekehrt; es ist jedoch selten, daß ein und derselbe Patient beiede Erwerbszweige patronisiert. Es ist dies nicht nur der Kosten wegen, es ist auch, weil man nicht gut zwei Führern folgen kann. Beide sind recht absolutistisch und legen ihren Gefolgschaften Aufgaben auf, die sie voll ausfüllen. Es gibt da keinen Achtstundentag. Um zu den Psychoanalytikern zu kommen: sie haben mehr sex appeal als die Astrologen. Damit ist natürlich nicht gemeint, daß sie ihren Klientinnen und Klienten physisch zur Verfügung stehen; das Verhältnis zu ihnen ist wie das zu hübschen Eunuchen ein geistiges. Was sie zu verkaufen haben, ist Verständnis. Man vergleicht sie gewöhnlich mit den Beichtigern der Kirche, ich glaube aber, daß das Vergnügen sexuelle Regeungen zur Sprache zu bringen, im Beichtstuhl tiefer ist als auf dem Sofa des Analytikers, da sich da größere Gegensätze berühren. Freilich verschafft die Psycholanalyse ein anderes Vergnügen, nämlich das, möglichst viel Geld für die eigene Person auszugeben. Die Psychoanalytiker sehen bekanntlich eine starke Heilkraft im Zahlen-der Patient nimmt sie ernst, weil er zahlt; sehr ernst, weil er sehr viel zahlt. Z.B. finden die höchstbezahlten Sklaven der Nation, die Film-Schreiber, Produzenten, Schauspieler, in der Psychoanalyse etwas, was sie ernst nehmen können; sie sollen, ob man es glaubt oder nicht, wenn sie von der Arbeit zu ihren Schwimmbassins heimkehren, ein Gefühl der Leere empfinden. Wenn oberflächliche Naturen, wie z.B. der Verfasser, über die Psycholanalyse lachen (d.h. über ihre Kunden), so wissen sie nur nicht, wie es mit ihnen selber steht. In einer Gesellschaft wurde der Verfasser höhnisch gefragt, warum er, seiner Meinung nach, das Bedürfnis empfinde, eine hochgeschlossene Jacke zu tragen (und wenn irgend zulässig,keine Krawatte); nach Ansicht der Gesellschaft war er mehr als reif für die Psychoanalyse. Eine Trumpfkarte der Psychoanalytiker ist, daß die ärmere Bevölkerung ebenfalls eine riesige Anzahl von Neurotikern aufweist. Allerdings verschwinden die Neurosen, höre ich, wenn der Patient eine Anstellung bekommt: der Psychoanalytiker wird arbeitslos, wenn der Patient Arbeit bekommt. Für den Armen ist das ein fast unlösbares Problem. Wenn er nicht verdient, braucht er Psychoanalyse, kann sie aber nicht erschwingen. Wenn er verdient und sie erschwingen kann, braucht, er sie nicht mehr. Eine Art Lösung, wäre es, wenn er, solange er Arbeit hat, in eine Kasse einzahlte, aus der er, wenn er arbeitslos wird, eine Behandlung finanziert bekäme. Und daß er immer einmal wieder arbeitslos werden wird, kann ihm jeder Astrologe bestätigen, es steht in seinen Sternen.

Bertolt Brecht Werke: Schriften 3. Vol. 23. Berlin: Aufbau-Verlag, 1993; pp. 46-7.






This exhibit was created by Marje Schuetze-Coburn, Feuchtwanger Librarian, at the University of Southern California.

February 1998.


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