Die amerikanische Umgangssprache
Ich will heute beginnen, einiges über meine Studien in amerikanischer Umgangssprache zu Papier zu bringen, da das Wetter ununterbrochen heiter ist, so daß ein blick aus dem Fenster genügt, einen in unübersehbare Zustände tiefer Niedrgeschlagenheit zu stürzen.
Ich muß gleich sagen: Ich habe nicht die geringste Hoffnung, die amerikanische Umgangssprache je zu erlernen. Es fehlt mir gewiß nicht die Neigung und schon gar nicht der äußer Antrieb. Es ist etwas anderes, das mir fehlt. Ich versuche schon seit einiger Zeit, mich in der Landessprache auszudrücken. Dabei habe ich festgestellt, daß ich bei Diskussionen nicht das sage, was ich sagen will, sondern das, was ich kann, sehr verschiedene Dinge. Man könnte vermuten, dieser verwirrende Zustand sei ein vorübergehender, etwas mehr Studium könne Erleichterung schaffen. Das ist leider nicht zu erhoffen.
Mir mangeln nicht die Worte allein, noch die Kenntnis des Satzbaus allein. Mir fehlt vielmehr ein ganz bestimmter Habitus, den zu erlernen ich einfach keine Möglichkeit sehe. Mit einigem Fleiß könnte ich vielleicht im Laufe der Zeit den Gedanken, daß mir auf gewissen amerikanischen Bildern der Himmel und die Bäume wie Geschminkte vorkommen, wie auf die Produktion von möglichst viel sex appeal bedachte Wesen, in amerikanischen Sätzen ausdrücken. Aber die Haltung, in der ich so etwas sagen müßte, um nicht chon durch eben die Haltung Anstoß zu erregen, werde ich niemals lernen. Ich müßte lernen, ein "nice fellow" zu werden.
Angetrieben von meinen Freunden, wahrscheinlich zum Entzücken meiner Feinde, wenn ich solche hätte, setze ich meine Sprachstudien fort und versuche, die Bedeutung des Wortes "to sell" (verkaufen) zu verstehen. Wenn in einer Drogerie ein Mädchen jemandem ein belegtes Butterbrot verkauft, stellt sich das Wort gehorsam ein. (Man ißt hier hauptsächlich in Apotheken, wo man auch gleich die Vitamine in Pillenform verkauft bekommen kann, die dem Essen fehlen, sowei einige Laxative, die einem beim Verdauen helfen.) Jedoch verkauft man hier jemandem auch eine Ansicht über Surrealismus, d.h. das Wort verkaufen bedeutet da, die Ansicht jemandem aufzureden. Es bedeutet eigentlich nur, in jemandem ein unwiderstehliches Bedürfnis nach etwas zu erzeugen, was man gerade wegzugeben hat. So könnte ein Mann gewisse Vorkommnisse seines Ehelebens in der Form beschreiben, daß er sagt: ich habe meiner Frau am Samstag einen Koitus verkauft, d.h. ich habe die dazu gebracht, dies und das als Koitus abzunehmen, danach ein Bedürfnis zu empfinden usw. So sagt man auch, der Präsident habe die Aufgabe, dem Volk den Krieg zu verkaufen. Er hat es davon zu überzeugen, daß Krieg für es gut ist, ein Bedürfnis.
Wie man hört, hat er damit Schwierigkeiten. Nicht, weil das Land, ohne Schaden zu nehmen, aus dem Krieg bleiben könnte. Das kann es sowenig, wie eine alte große Petroleumgesellscahft es sich leisten kann, den Anstrengungen.
Die Studien in amerikanischer Umgangssprache machen mir Vergnügen. Dasselbe gilt von den Studien in chinesischen Sitten, die ich gleichzeitig, begonnen habe. Die chinesischen Sitten studiere ich nicht bei den Chinesen selber, von denen es hier wie in New York genügend Exemplare gäbe, sondern aus einem kleinen Buch, von dem ich natürlich nicht weiß, ob es sehr verläßlich ist. Für meine mehr oder weniger frivolen Zwecke genügt es mir ebenso, daß es ein solches Buch gibt, als daß es solche Sitten gibt. Im Grunde suche ich ja nur irgendein Thema harmloser Art, das mir Gelegenheit gibt, Stellung zu nehmen. Das bin ich gewohnt, und wenn ich einige Vorsicht walten lasse ....
Bertolt Brecht Werke: Schriften 3. Vol. 23. Berlin: Aufbau-Verlag, 1993; pp. 44-6.
This exhibit was created by Marje Schuetze-Coburn, Feuchtwanger Librarian, at the University of Southern California.
February 1998.