Wo ich wohne

Durs Grünbein reads Bertolt Brecht

Bertolt Brecht's 100th Birthday Anniversary Exhibit

Feuchtwanger Memorial Library

University of Southern California



Wo ich wohne

Wenn ich sage, wo ich wohne, sage ich immer: Santa Monica, was stimmt. Aber jeder weiderholt: So, in Hollywood! Es sind tatsächlich verschiedene Städte, fünf Meilen entfernt voneinander, jedoch in irgendeiner Weise gehören wir zu Hollywood. So beeile ich mich zu sagen: Wir haben den Ort nicht gewählt, das Schiff von Wladiwostok setzte uns hier an Land, wir hatten hein Geld, hier waren einige andere Flüchtlinge, da blieben wir. Wir haben allerdings ein Haus hier, aber nur weil da die Abzahlungssummen billiger sind, als Miete woanders wäre. Das Haus hat nämlich nur einundeinhalb Baderäume, und es ist viereckig, ein füngzig Jahre altes Ranchhaus, aufgestockt. Ringsum die Villen sind in mexikanischem oder englischem Stil gebaut doer haben Türmchen und Kurven, die man nie gesehen hat. Unser Haus hat sieben Räume, darunter zwei große, es ist nicht übel, und der Garten is sogar lieblich, ziemlich alt, mit Feigenbäumen, Zitronen, Orangen, Aprikosen, Pfefferbäumen und Gras, es gibt sogar Winkel zwischen Holzhütten, das sieht lange bewohnt aus.

Die Welt hungert und liegt in Trümmern; wie kann man sich beklagen, daß man hier sitzt? Ich sah keine Möglichkeit, bis mir der Gedanke kam, daß diese hübschen Villen hier aus dem geleichen Stoff gebaut sind wie die Ruinen drüben; als hätte ein und derselbe böse Wind, der die Gebäude drüben zusammenriß, allerhand Staub und Schmutz hier zu Villen zusammengewirbelt. Denn es ist eine Tatsache: Wir leben in einer würdelosen Stadt.

Es ist schwer zu beschreiben, ich habe oft angesetzt und es wieder aufgegeben. Natürlich muß es von den Menschen kommen.

Um mit den Nachbarn zu beginnen, kleinen Leuten. Sie sind freundlich und schnüffeln nicht. Sie sehen eine Frau das Haus und den Garten in Ordnung halten, einen Mann an der Schreibmaschine; so sagen sie der Polizei, die sich nach uns erkundigt, wir seien "hard working people", man solle uns in Ruhe lassen. Sie bekommen Feigen von unserm Garten, bringen Kuchen. Und sie haben nicht das verkniffene neurotische Wesen der deutschen Kleinbürger, noch die Unterwürfigkeit und Überheblichkeit. Sie bewegen sich freier, mit mehr Anmut, und keifen nicht. Freilich ist etwas Leeres und Bedeutungsloses an ihnen wie an den Charakteren oberflächlicher und gefälliger Romanschreiber. In den Schulen wird nicht nur benotet, wie fleißig und belesen und intelligent ein Kind ist, sondern auch, wie populär es ist. Dagegen ist schwer etwas zu sagen: vielleicht habe ich nur etwas dagegen, weil ich selber nicht populär war, noch sein wollte. Wenn die Kinder lernen sollen, sich der Gesellschaft anzupassen, kommt es ja auch darauf an: welcher Gesellschaft. Die Zeitungen sind andrerseits voll von gewalttägigen Auseinandersetzungen in den unteren Schichten: Männer schießen ihre untreuen Frauen ab, Halbwüchsige axen betrunkene Väter, die die Mütter prügeln, usw. Das ist anders als in den besseren Kreisen, wo derlei seelische Konflikte sich zu finanziellen Konflikten verschärfen und es um Alimente geht. Jedoch handelt es sich oben wie unten um Probleme, die sozusagen Gleichungen mit nur einer Unbekannten darstellen; der siebenzeilige Zeitungsreport scheint schon erschöpfend. Die Häuser um unseres herum haben nahezu alle, seit wir hier wohnen, die Besitzer mehrmals gewechselt. Die Leute wechseln unaufhörlich und anscheinend ohne viel nachzudenken ihre Arbeitsstellen und sogar ihre Berufe, und so ziehen sie in leichter erreichbare Bezirke oder Städte; einige ziehen, und das mehrmals, über den ganzen Kontinent. So lernen sie ihre Behausungen kaum kennen, haben weder Vaterhaus noch Heimat. Keine Freundschaften wachsen und keine Feinschaften. Was die Meinungen angeht, herrschen die Ideen der Herrschenden nahezu unumschränkt. Nichtübereinzustimmen wird gemeinhin als bloßes Nichtkennen des allgemein Gebilligten angesehen, als ein gefährliches Unvermögen, sich anzupassen. Die Anpassung ist ein eigenes Lehrfach; der Intelligentere bringt es darin weiter, der Widerstrebende ist ein Problem der Ärtze und Psychologen. Um den "Job" zu halten-er ist immer unsicher, es gibt keinen "Lebensstellungen" mit Rechten und Pensionen, auch nicht in den Ämtern der Regierung-, muß man, jenseits der Qualifikation-auf die kommt es nicht so sehr an, alles ist eingerichtet für Auswechselbarkeit, also für das Minimun-, ein "regular guy" sein, d.h. normal. Das läßt wenig Möglichkeiten für Eigenart. "Die unbegrenzten Möglichkeiten" beginnen wie eine Legende zu klingen, aber "die unvermeidlichen Krisen", das klingt wie ein wissenschaftlicher Satz. Und die Krisen berauben die Bewölkerung um alles. Bankkonto, Haus, Eisschrank und Auto muß in Essen umgesetzt werden, die Studien der Kinder werden abgebrochen, die Ehen geschieden. Außer den großen allgemeinen Krisen drohen die kleinen persönlichen. Die Krankheit eines einzigen Mitglieds kann die Familie aller ihrer Ersparnisse berauben und der meisten ihrer Zukunftspläne. Unter diesen Umständen haben die nie verschütteten, kaum je ventilierten, stinkenden Vorurteile breiter Schichten gegen die Neger, die Juden und die Mexikaner eine finstere Bedeutung. Der Einfluß der schlecht unterrichteten Bevölkerung-die Zeitungen mit Dutzenden von Millionen Lesern deuten an, daß der höchste Beamte der Nation von einer Gangstergrupe "gemacht" worden sei. Viele haben das Gefühl, daß die Demokratie von einer Art ist, daß sie von einer Stunde auf die andere verschwinden kann. Wenige wagen sich ein Bild zu machen davon, was die ungeheure Brutalität, die der ökonomische Kampf auf diesem Kontinent entwichkelt hat, dann aus ihm machen würde.

Die große Unsicherheit und Abhängigkeit pervertiert die Intellektuellen und macht sie oberflächlich, ängstlich und zynisch. Dabei gehört es sozusagen zu ihrem Anstellungsvertrag, daß sie locker (easy going), zuversichtlich (cheerful) und zuverlässig (mentally balanced) erscheinen, was sie mit Pfeifenrauchen, Hände-in-die-Hosentaschen-Stecken usw. bewerkstelligen. In der alten Welt gibt es immer noch die große Fiktion für die Intellektuellen, daß sie arbeiten für mehr als Entlohnung. Die Beamten halten die Ordnung aufrecht, die Ärzte heilen, die Lehrer verbreiten Wissen, die Künster erfreuen, die Techniker produzieren; sie werken "natürlich" entlohnt, aber das ist nur, weil sie leben müssen. Ihre Arbeit hat eine Wichtigkeit darüber hinaus. Riesige staatliche Institutionen geben sich zumindest den Anschein, unter keiner Kontrolle als der allgemeinen zu stehen: die Universitäten, Schulen, Kliniken, Administrationen. Hier aber sind die Universitäten offen kontroliert von Geldleuten, auch die halbstaatlichen; die Kliniken ebenfalls, und die Beamten der Adminstration bekommen Wochenschecks und sind abhängig von den politischen Maschinen. So ist die Jugend eine Generation von jungern Göttern, die sich, über Nacht, verwandelt in Sklaven. Frauen des Mittelstands über dreißig, ohne Bankkonto, sind failures. Dieses Wort failure ist beinahe unübersetzbar in eine Kultursprache. Es bedeutet "Erfolgloser", und es kann der Vater sein oder die Mutter oder der Lehrer oder der Nachbar oder ich. Der Zustand der "failures" ist ebenfalls kaum übersetzbar. Das Wort dafür heißt "frustration", und es bedeutet Vereiteltheit, Enttäuschung, Durchkreuztheit, Geschlagenheit. Diese Altjungfernschaft gibt es in beiden Geschlechtern, und sie is sozial, mit klinischen Merkmalen.

Kein Wunder, daß etwas Unedles, Infames, Würdeloses allem Vekehr von Mensch zu Mensch anhaftet und von da übergegangen ist auf alle Gegenstände, Wohnunge, Werkzeuge, ja auf die Landschaft selber. Ein Mann, in der Frühe im Garten einen Band Lukrez lesend, wäre ein abgeschmackter Anblick, eine Frau, ihr Kind nährend, etwas Fades. Die Wohntürme von Manhattan inder Dämmerung sind atemberaubend, aber sie können keine Brust schwellen. Die Schlachthöfe in Chicago, die Elektrizitätswerke in den Canyons, die Ölfelder Kaliforniens, alle haben dieses Zurückgehaltene, Frustrierte; alle wirken wie failures. Überall ist dieser Geruch der hoffnungslosen Roheit, der Gewalt ohne Befriedignung. In fünf Jahren sah ich einmal etwas Kunstähnliches: Entlang an der Küste von Santa Monica, vor den tausend Badenden, schwebte an dünnen Drahtseilen drachenhaft, gezogen von einem Motorboot, ein dünnes, köstliches Gebilde in zarten Farben, die Reklamezeichnung einer Hautölfirma.

Bertolt Brecht Werke: Schriften 3. Vol. 23. Berlin: Aufbau-Verlag, 1993; pp. 48-51.






This exhibit was created by Marje Schuetze-Coburn, Feuchtwanger Librarian, at the University of Southern California.

February 1998.


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